Die EU plant für zahlreiche Warengruppen eine Neuerung: den Digitalen Produktpass (DPP). Für Batteriehersteller wurde er bereits als Standard umgesetzt. Wir können also sicher sein, dass er auch für den Maschinenbau verpflichtend wird. Viele Technische Redaktionen beobachten deshalb diese Entwicklung mit Spannung. Denn bei diesem Standard stellen sich hohe Herausforderungen. Es bietet sich aber auch die Chance, sich als Technische Redaktion mit ihren Kernkompetenzen in einem Projekt einzubringen, das für das gesamte Unternehmen eine hohe strategische Wichtigkeit hat.
Andererseits fragen sich aber auch viele Redaktionen, ob es nicht sinnvoll ist, noch ein wenig abzuwarten. Denn bisher sind die genauen Details der Ausgestaltung des DPP für die meisten Branchen noch offen. Sehen wir uns also an, was dafür spricht, den Ball erst einmal flachzuhalten. Und was für einen baldigen Start spricht.
Option abwarten
Tatsächlich gibt es einige Aspekte, die darauf hindeuten, erst einmal abzuwarten, wie sich die Lage entwickelt. Sehen wir sie uns einmal ein wenig genauer an.
Da gibt es zum einen das Problem, dass die genauen Anforderungen für viele Produktgruppen und insbesondere für den Maschinenbau noch gar nicht feststehen. Wer also den DPP bereits jetzt vollständig implementieren möchte, läuft Gefahr, dass er Datenstrukturen und Funktionalitäten implementiert, die sich im Nachhinein als überflüssig erweisen. Das ist besonders angesichts der Komplexität von Maschinenbau-Produkten und auch wegen der langen Lebenszyklen schmerzhaft. Ärgerlich, wenn man hier ohne Not Geld in Datenstrukturen investiert hat, die später nicht gebraucht werden. Zumal Maschinenbauunternehmen die notwendigen Produktdaten oft gar nicht, nur verteilt oder unsystematisch strukturiert vorliegen haben.
Auch aus strategischen Gründen kann es lohnend sein, abzuwarten, wie energisch die EU ihre Regeln für den DPP durchsetzt. Wer zu spät reagiert, riskiert Bußgelder oder den Ausschluss vom EU-Binnenmarkt. Trotzdem kann es sinnvoll sein, erst abzuwarten: Da der digitale Produktpass zunächst andere Branchen betrifft, lohnt es sich, deren Erfahrungen zu beobachten und daraus abzuleiten, wie groß die rechtlichen Risiken in der Praxis tatsächlich sind.
Option gleich starten
Andererseits gibt es aber auch zahlreiche Punkte, um schon jetzt mit den Arbeiten zum Digitalen Produktpass zu beginnen. Der wichtigste Punkt: Der Digitale Produktpass wird häufig als eine Art Software-Einführung verstanden. Tatsächlich ist der Software-Aspekt aber der kleinere Teil der Arbeiten, die für den DPP notwendig sind. Im Wesentlichen geht es beim Digitalen Produktpass um die gezielte Sammlung, Vereinheitlichung und Bereitstellung von Produktinformationen. Das heißt, es geht um abteilungs- und teilweise sogar unternehmensübergreifende Prozesse, die miteinander abgestimmt und teilweise sogar erst noch aufgebaut werden müssen.
Die Komplexität der Prozesse ist dabei nur eine Seite der Medaille. Denn viele Unternehmen – das haben wir in zahlreichen Projekten zur Datenhomogenisierung festgestellt – überschätzen die Vollständigkeit und Qualität ihrer Daten. Oft liegen Daten in unabhängigen Varianten vor, es ist vieles ungeklärt, z. B. wo der Single Source of Truth liegt oder wie Verantwortlichkeiten bei der Datenpflege aussehen. Für viele Unternehmen wird deshalb der Zeitraum zwischen der Bekanntgabe der endgültigen Anforderungen des Digitalen Produktpasses und der verpflichtenden Einführung nicht ausreichen, um alle Daten und Prozesse korrekt und vollumfänglich bereitzustellen.
Aber wie lässt sich beginnen, auch wenn die geforderten Daten noch gar nicht feststehen? Nun, das ist gar nicht so schwer. Tatsächlich ist bei einem Großteil der Daten bereits heute erwartbar, dass sie Teil des Produktpasses werden: Produktbezeichnungen, Betriebs- und Verbrauchsstoffe, direkte Lieferantenbeziehungen etc. Solche Daten liefern ein ideales Testfeld, um Vorbildprozesse aufzubauen und Erfahrungen in der Datengewinnung und -homogenisierung zu sammeln.
Frühzeitig zu starten lohnt sich außerdem nicht nur für den Digitalen Produktpass. Eine bessere Datenqualität in den Stammdaten hilft an vielen Stellen: Unternehmensshop, Ersatzteilverwaltung, Supportanfragen – einmal optimiert profitieren zahlreiche Stellen im Unternehmen. Und gleichzeitig sorgt ein bereits laufender Produktpass dafür, dass man zeigt, dass man dem Wettbewerb (wieder einmal) eine Nasenlänge voraus ist. Denn der DPP hat eine hohe öffentliche Aufmerksamkeit. Wer ihn frühzeitig umsetzt, kann dadurch sein Image als Innovationstreiber weiter stärken.
Zu guter Letzt: Es gibt auch finanzielle Gründe, die dafür sprechen, schon jetzt tätig zu werden. Wie bei jeder umfassenden Stichtagseinführung dürfte auch beim DPP ein Engpass auftreten, wenn man sich zu spät Dienstleister sucht oder eine Produktpass-Software einführen möchte. In der Konsequenz muss man zu einem späten Zeitpunkt also mit höheren Kosten rechnen oder findet sogar gar keine qualifizierten Anbieter mehr.
Unser Fazit
Die Gründe, die für einen späten Start beim Digitalen Produktpass sprechen, sind real. So gesehen lässt sich jedes Unternehmen verstehen, das sich zunächst einmal fürs Abwarten entscheidet.
Aus unserer Sicht ist abwarten dennoch ein Fehler. Denn: Auch wenn manche Details noch nicht feststehen – der Digitale Produktpass wird sicher kommen. Der Digitale Produktpass muss deshalb schon jetzt Teil der Unternehmensstrategie sein, denn der Handlungsdruck ist real und die notwendigen Vorarbeiten sind komplexer, als sie auf den ersten Blick erscheinen.
Tatsächlich sind die wesentlichen Fakten auch bereits geklärt. Wer sich auf diese Punkte konzentriert, kann nichts verkehrt machen. So lässt sich Zeit gewinnen und frühzeitig auch ein Nutzeffekt generieren für andere strategische Themen wie digitaler Zwilling oder KI-Einführung.
Machen Sie deshalb jetzt den ersten Schritt. Mit unserer Gratis-Checkliste können Sie in wenigen Minuten selbst erfassen, wo Sie beim Digitalen Produktpass stehen. Sie gewinnen Klarheit über die wesentlichen Themenfelder, auf die Sie sich konzentrieren sollten. Und danach kommen wir gerne ins Gespräch.




