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In ihrer hermeneutischen Tradition reicht die Erforschung des Textverstehens weit zurück. Dagegen beginnt die empirische Erforschung der Textverständlichkeit erst mit der Lesbarkeitsforschung zu Beginn unseres Jahrhunderts. Hier wurde versucht, objektive Textmerkmale zu finden, die eine Einschätzung der Verständlichkeit eines Textes erlauben. Als Kernfaktoren ermittelte man die Wort- und Satzlänge, wobei jedoch in verschiedenen Ansätzen auch viele andere Textmerkmale berücksichtigt wurden. Diese Faktoren wurden in Formeln integriert und ihre Aussagekraft anhand von Behaltenstests überprüft. Das Einsetzen der jeweiligen Textvariablen und deren Berechnung ergibt dann einen konkreten Zahlenwert für einen Text und erlaubt somit, die Textverständlichkeit auf einer Prozentskala einzuordnen. Die wohl bekannteste Formel dieser Art ist die Reading-Ease-Formel von Flesch (1945), die hier als Beispiel angeführt werden soll:

Der Vorteil dieser Formeln liegt in ihrer großen Praktikabilität und leichten Anwendbarkeit. Problematisch ist daran jedoch zweierlei:
Diese Unzulänglichkeiten versuchten zwei Ansätze in den 70er Jahren zu überwinden. Im Hamburger Modell von Langer u. a. wurden subjektive Eindrücke von professionellen Textbeurteilern (Lehrer, Journalisten) zu vier relativ unabhängigen Verständlichkeitsdimensionen gruppiert. Die wichtigste Dimension bildet hierbei die Einfachheit.

Die Texte können nun auf einer fünfstufigen Skala bezüglich jeder dieser Dimensionen eingeordnet werden. Ein spezielles Trainingsprogramm soll Interessierte dazu befähigen, Verständlichkeitsprobleme zu erkennen. Das Hamburger Konzept hat den Vorteil, leicht lernbar und anwendbar zu sein. Es lässt aber eine theoretische Fundierung in einer Verstehenstheorie vermissen; dadurch wird auch vernachlässigt, dass Verständlichkeit kein textimmanentes Kriterium ist, sondern immer erst durch das Zusammenspiel von Text und Leser entsteht. Weiterhin fehlt eine detaillierte Erklärung der Merkmale der einzelnen Dimensionen. Autoren, die sich um Verständlichkeit bemühen, sind dann gezwungen, sich beim Schreiben auf ihre eigenen Intuitionen zu verlassen, da sie zwar wissen, was man vermeiden soll, um nicht unverständlich zu schreiben, ihnen aber keine Mittel an die Hand gegeben werden, die die Verständlichkeit eines Textes heben können.
Ein anderer Weg wurde bei dem Groebenschen Ansatz gewählt. Groeben ging von psychologischen, linguistischen und kybernetischen Theorien aus. Auf dieser Grundlage entwickelte er ebenfalls vier Dimensionen, die denen des Hamburger Modells recht ähnlich sind.

Groeben fasst die Dimensionen kognitive Gliederung und kognitiver Konflikt jedoch als zwei Pole eines Kontinuums auf, das er als Inhaltliche Strukturierung bezeichnet und dem er die größte Wichtigkeit beimisst. Anders als Langer u. a. berücksichtigt Groeben auch die Abhängigkeit der Verständlichkeit von den Voraussetzungen des Lesers. Sie schlägt sich in seiner Unterscheidung zwischen Textverständnis und Textverständlichkeit nieder, wobei sich das Textverständnis auf die Lesermerkmale und die Textverständlichkeit auf die Textmerkmale beziehen. Groeben bietet detaillierte Angaben zur Textoptimierung, er diskutiert eine Vielzahl von verständlichkeitsfördernden Mitteln und belegt ihre Brauchbarkeit anhand von wissenschaftlichen Untersuchungen und Experimenten.
Obwohl Groeben die Wichtigkeit von Lesermerkmalen erkannt hat, fußt seine Arbeit nicht in einer Verstehenstheorie, d. h. in einem Modell, das die geistigen Vorgänge, die sich beim Lesen abspielen, darstellt. Teilweise fehlt seinen Aussagen auch eine adäquate linguistische Fundierung. Die Arbeit Groebens hat eine hohe Praxistauglichkeit; dennoch wurde sie bisher wenig berücksichtigt. Ein Grund dafür mag sein, dass sie zwar den Anspruch erhebt, Aussagen über Verständlichkeitsförderung zu treffen und entsprechende Mittel einzusetzen, dass sie aber dennoch recht schwer lesbar ist. Der Grund dafür mag gerade in der umfangreichen theoretischen Fundierung und statistischen Aufarbeitung liegen, die das Buch sachlich sehr anspruchsvoll machen und den psycholinguistisch ungeschulten Leser eher abschrecken.
Moderne, kognitive Theorien zum Textverstehen gehen davon aus, dass beim Lesen (und auch beim Hören) komplexe Verarbeitungsprozesse ablaufen, in der eine Vielzahl von Wissenssystemen aktiviert werden. Das Lesen ist also nicht mehr ein einfaches Entschlüsseln von Informationen, sondern der Aufbau eines Textverständnisses in einem Wechselspiel von Textinformation und eigenem sprachlichen und Faktenwissen. Der Leser versucht dabei, anhand seines Vorwissens Hypothesen über die Textbedeutung zu bilden und diese am Textmaterial zu prüfen. Gleichzeitig versucht er, ein zusammenhängendes Modell des Textmaterials zu erstellen und dieses in sein Vorwissen zu integrieren. Dieses Modell ist hierarchisch geordnet, an der Spitze steht das Textthema, unter das die Einzelinformationen eingeordnet werden. Der Aufbau des Modells geht schrittweise vor sich, es ist immer nur jeweils ein Teil aktiv, während andere Teile des Modells im Langzeitgedächtnis gelagert sind.
Gelingt es einem Leser nun nicht, neue Textinformationen in den aktiven Teil seines Textmodells zu integrieren, so stehen ihm verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung:
Gerade die Aktivierung dieser Strategien ist es nun, die das Verständnis verzögern und erschweren.
Ein Beispiel kann die Unterschiede zwischen dem alten Dekodierungsmodell des Textverstehens und den kognitiven Theorien verdeutlichen:
Es zeigt sich also, dass der Verstehensprozess in den modernen Theorien wesentlich komplexer gesehen wird und dass der Leser eine wesentlich aktivere Rolle dabei hat.
Die kognitiven Ansätze haben zum Verständnis der Prozesse beim Lesen viel beigetragen. Für eine Anwendung in der Praxis haben sie sich jedoch als untauglich erwiesen. Die Erklärungsebene der Verstehensmodelle liegt auf einem semantischen Mikrolevel; für eine Anwendung im Alltag ist jedoch eine solche feine Analyse nicht praktikabel. In der Praxis erweist sich also das Groebensche Modell trotz seiner Nachteile immer noch als das geeignetste.
Wie sich schon oben gezeigt hat, lassen sich drei verschiedene Aspekte der Textrezeption unterscheiden:
Doch auch der Begriff Verständlichkeit lässt sich differenzieren. Ein verständlicher Text kann anregend geschrieben sein, seine Gedankengänge können leicht nachvollziehbar sein oder er kann einfach zu rezipieren sein. Verständlichkeit kann sich in einer hohen Lesegeschwindigkeit äußern oder darin, dass sich die im Text enthaltenen Informationen leicht merken lassen. Je nach der Funktion, die ein Text haben soll, sind demnach auch andere Mittel zu wählen.
Für die Arbeit in der Praxis muss man sich schließlich auch bewusst machen, dass sich Textverständlichkeit zwischen drei Polen bewegt. Das erreichbare Maß an Verständlichkeit kann (und wird) sich meistens nach den Bedürfnissen des Autors richten, d. h. nach seiner Zeit, seinen Medien u. v. a.. Es hängt weiterhin von der Sache ab; komplizierte Sachverhalte sind nicht unbegrenzt einfach darstellbar. Schließlich entsteht die Verständlichkeit eines Textes erst im Zusammenspiel mit den Voraussetzungen des Lesers. Die Textverständlichkeit muss also genau auf ihr Zielpublikum abgestimmt werden. Sprachlich weniger Geübte benötigen andere verständlichkeitsfördernde Mittel als z. B. Vielleser; bei Lesern mit hohen Wissensvoraussetzungen kann die Darstellung komplexer sein als bei völligen Laien. Im einzelnen Schreibprozess gilt es, einen angemessenen Ausgleich zwischen den Polen der Autorenangemessenheit, der Sachangemessenheit und der Leserangemessenheit zu finden.

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