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Man kann sich hier natürlich die Frage stellen, warum man sich überhaupt die Mühe machen sollte, seine Texte unter Verständlichkeitsgesichtspunkten zu überarbeiten. Gründe für verständliches Schreiben gibt es viele: Die Frage hat zunächst einmal eine gesellschaftliche Dimension. Eine Demokratie wie unsere ist darauf angewiesen, dass der Bürger politische und andere Informationen auf eine Weise bekommt, die er verstehen kann. Ihr Funktionieren ist weiter davon abhängig, dass der Bürger seine Rechte und Pflichten kennen lernen kann und dass ihm die Wahrnehmung seiner Rechte nicht z. B. durch unverständliche Formulare erschwert wird. Verständliches Schreiben ist auch für die Wissenschaften notwendig, und zwar immer dann, wenn sie sich an Leser mit geringerem Vorwissen richtet. Dies soll nicht bedeuten, dass die Wissenschaften auf ihre Fachsprachen verzichten müssen. Innerhalb eines Faches sind diese durchaus angebracht und nützlich. Wenn wir jedoch davon ausgehen, dass die Wissenschaft eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe erfüllt, dann muss man auch fordern, dass sie ihre Erkenntnisse und Absichten verständlich darlegt. Das Problem des verständlichen Schreibens beinhaltet jedoch auch eine finanzielle Dimension. Nicht nur, dass durch unverständliche Texte eine Unmenge an Zeit verloren geht, es werden auch Gelder und Subventionen nicht in Anspruch genommen, weil unverständliche Formulare die Bewerber abschrecken. Der deutschen Wirtschaft gehen jährlich Milliardenbeträge verloren, weil durch unverstandene Gebrauchsanleitungen Gerätefunktionen nicht wahrgenommen werden oder ein Gerät bei der Bedienung beschädigt wird und so Regressansprüche entstehen.
Aber ist der Leser nicht selbst schuld, wenn er einen Text nicht versteht? Liegt es nicht an ihm, sich das nötige Fachwissen zu erwerben, seine Lesegeschwindigkeit zu senken, sich den Text zu markieren und Notizen zu machen? In einigen Fällen mag das zutreffen: Wenn es um Vermittlung von Informationen innerhalb eines Faches geht, ist eine Textoptimierung nicht unbedingt notwendig. Schreibt man hingegen für Fachfremde, so ist die Berücksichtigung ihrer Voraussetzungen unerlässlich. Man kann also sagen, dass die Frage der Textoptimierung eine fachliche Komponente hat. Verständliches Schreiben ist immer dann angebracht, wenn die Adressaten bezüglich des Themas ein erhebliches Wissensdefizit aufweisen. Verständlich Schreiben besitzt aber (natürlich) auch eine sprachliche Komponente.
Es ist auch immer dann notwendig, wenn die Leser im sprachlichen Umgang wenig geübt sind. Das kann z. B. heißen, dass sie die betreffende Fachsprache nicht beherrschen, dass sie Dialektsprecher sind oder auch nur, dass sie in der betreffenden Kommunikationssituation wenig routiniert sind.
Es wird hier also nicht einer Textoptimierung um jeden Preis das Wort geredet. Vielmehr muss in jedem Einzelfall genau abgewägt werden, ob und inwieweit ein Text explizit verständlich gestaltet werden muss.
Vorklärungsphase:
Sammelphase:
Bewertungsphase:
Schreibphase:
Prüfungsphase:
© Markus Nickl, 1994
Im Folgenden werden einige verständlichkeitsfördernde und -behindernde Faktoren von Texten kurz dargestellt. Bei den sprachlichen Mitteln berufe ich mich - trotz aller Nachteile dieses Ansatzes - weitgehend auf die Aussagen von Groeben. Die besten Aussagen zum Einsatz von typografischen Mitteln bietet trotz ihres Alters immer noch die Arbeit von Tinker (1963).
Durchschuss:
Für Schriften zwischen 8 Punkt und 11 Punkt haben sich 2 Punkt Durchschuss (Zeilenabstand) am günstigsten erwiesen.
Farbe:
Der Einsatz von farbigen Schriften eignet sich besonders zur Hervorhebung längerer Textstücke. Günstig ist dabei die Möglichkeit, Farbe differenziert einzusetzen (z. B. bei einer Gebrauchsanleitung rot für Gefahrenhinweise, grün für Tipps); jedoch sollte das Markierungssystem nicht überladen werden (nicht mehr als zwei - drei Markierungsfarben). Außerdem ist zu berücksichtigen, dass sich die Schriftfarbe gut von der Papierfarbe abhebt.
Gruppierung:
Gerade für ungeübte Leser kann es sinnvoll sein, einzelne Gedankengänge oder Handlungsschritte sinngemäß in kleine Einheiten zu gruppieren.
Sprung:
Gesperrte Wörter, d. h. Wörter mit vergrößerten Buchstabenabständen sind in Fließtexten oft unleserlich.
Schriftgrad:
Als Schriftgrad bezeichnet man die Größe der einzelnen Buchstaben. Für den laufenden Text sind bei DIN A 4 11-Punkt-Schriften, bei DIN A 5 8-Punkt-Schriften am lesbarsten.
Schriftsatz:
Häufig wird in Anleitungen zur Typografie Rauhsatz (Versuch, alle Zeilen ungefähr gleich lang zu halten) empfohlen. Flattersatz (Zeilen dürfen eine Maximallänge beliebig unterschreiten) wird wegen seines großen Platzbedarfs und der großen Zeilenlöcher häufig abgelehnt. Beim Blocksatz (alle Zeilen sind gleich lang) wird der höhere Zeitbedarf (durch die Ausrichtung und Trennungen) und die fehlende Gruppierung bemängelt. Gleichzeitig bietet der Blocksatz jedoch den Vorteil einer größeren Geschlossenheit des Schriftbilds und unterstützt einen gleichmäßigen Leserhythmus. Zumindest das Problem des Zeitbedarfs stellt sich bei modernen Textverarbeitungsystemen nicht mehr. Es kann also bedingt zum Blocksatz zugeraten werden; und zwar immer dann, wenn sich der Text an geübte Leser richtet bzw. wenn eine hohe Lesegeschwindigkeit erwünscht ist.
Schriftschnitt:
Der Schriftschnitt bezeichnet die Buchstabendicke. Normale und halbfette Schriften sind auch im laufenden Text gut lesbar; fette Schriften sind für längere Passagen nicht geeignet.
Schrifttyp:
Als schlecht lesbar haben sich Versalien (Wörter nur in Großbuchstaben), Kursivschriften und Negativschriften (weiß auf schwarz) erwiesen. Sie sind deshalb nur zur Markierung einzelner Wörter geeignet, nicht jedoch zur Markierung ganzer Textabschnitte. Die in der alltäglichen Arbeit üblichen Schriften sind im Allgemeinen alle gut lesbar, wobei jedoch darauf zu achten ist, dass die einzelnen Buchstaben gut unterscheidbar bleiben, was manchmal bei serifenlosen Schriften (Buchstaben ohne Endstriche) nicht der Fall ist.
Zeilenlänge:
Allgemeingültige Regeln lassen sich hier nicht aufstellen, da die optimale Zeilenlänge von der Papiergröße, dem Schriftgrad, Schriftschnitt und Durchschuss abhängig ist. Sehr lange Zeilen sollten jedoch stets vermieden werden.
Diese beiden Dimensionen beziehen sich bei Groeben (1982: 223) mehr auf die sprachliche Oberflächenstruktur, während sich die beiden restlichen Dimensionen stärker auf textlinguistische und inhaltliche Faktoren beziehen. Bei der Auflistung der Verständlichkeits-Faktoren werden deshalb jeweils zwei Dimensionen zusammen dargestellt.
Beispiele:
Im Allgemeinen haben Beispiele einen lernerleichternden Effekt, vorausgesetzt, dass die Struktur des Beispiels möglichst genau der Struktur des zu erklärenden Konzepts entspricht.Häufige Wörter:sind leichter zu verstehen und haben einen höheren Assoziationswert als seltene Wörter. Zu beachten ist allerdings, dass weniger bekannte Wörter einen höheren Interessantheitswert haben und dadurch die Lesemotivation steigern.
Hauptsatz:
Derzeit lassen sich keine gesicherten Aussagen zur Formulierung von Hauptsätzen machen. Im Allgemeinen werden passivische und verneinte Sätze als schwerer verständlich beschrieben.
Konkrete Wörter:
Konkrete Wörter haben einen verständlichkeitssteigernden Effekt. Sie heben die Lernmotivation und machen verschiedene Konzepte unterscheidbarer. Allerdings ist vom linguistischen Standpunkt anzumerken, dass eine Unterscheidung des Wortschatzes in konkret und abstrakt durchaus problematisch ist. Auch kann Groebens Verfahren zur Ermittlung von abstrakten Wörtern (Identifikation anhand von "Abstraktheits"-Endungen) nicht befriedigen.
Kurze Wörter:
Die Forderung, kurze Wörter zu verwenden, datiert schon aus der Zeit der Lesbarkeitsforschung. Ihre Begründung beruht auf dem Zipfschen Gesetz, das besagt, dass kurze Wörter in einer Sprache auch die häufigen Wörter sind. Kurze Wörter sind außerdem leichter zu erkennen und zu verstehen.
Nebensatz:
Die Aussage der Lesbarkeitsforschung, dass kurze Sätze leichter verständlich sind, ist heute relativiert worden. Mittlerweile beurteilt man zwar Sätze mit vielen Nebensätzen als schwieriger; besonders dann wenn Nebensätze von Nebensätzen abhängen. Auch eingebettete Nebensätze (der Hauptsatz umschließt den Nebensatz; als Beispiel s. den ersten Satz dieses Absatzes) haben sich als schwer verständlich erwiesen. Das darf jedoch nicht dazu führen, dass man Nebensätze durch Nominalisierungen ersetzt.
Nominalisierung:
Die Nominalisierung ist die Ableitung von Substantiven aus anderen Wortarten. Werden Verben nominalisiert, so kann ein Substantiv (mit seinen Attributen) einen ganzen Satz ersetzen (Bsp. Das Ziel wird erreicht => Das Erreichen des Ziels). Solche Nominalisierungen sind schwerer verständlich, als die Sätze, die sie ersetzen, da sie die Information dichter verpacken.
Persönliche Worte:
Persönliche Formulierungen (Ich-Stil) führen zu keiner Verbesserung der Verständlichkeit. Allerdings sollte man nicht auf Passivsätze ausweichen, um seine Formulierungen unpersönlich zu halten. Außerdem muss man beachten, dass in vielen, v. a. wissenschaftlichen, Textsorten ein persönlicher Stil nicht den Konventionen entspricht.
Redundanz:
Eine Verminderung der Redundanz, d. i. eine Informationsverdichtung, führt im Allgemeinen zu keiner Steigerung der Verständlichkeit, wenn nicht gleichzeitig die inhaltliche Gliederung verbessert wird. Außerdem ist zu beachten, dass informationsdichtere Texte langsamer gelesen werden.
Eine Erhöhung der Redundanz hat eine einprägungsfördernde Wirkung, erhöht aber auch die Lesezeit und kann ab einem bestimmten Grad die Lesemotivation senken.
Wortstellung:
Im Deutschen ist die erste Stelle des Satzes üblicherweise mit einem bekannten / vorher erwähnten Satzglied besetzt. Indem nun ein unbekanntes Satzglied an die erste Stelle tritt (Ausdrucksstellung), wird dieses hervorgehoben. Solche Hervorhebungen machen diese Information zwar leichter merkbar, sie behindern aber auch den Lesefluss und sollten deshalb sparsam angewandt werden.
Durch eine Veränderung der Wortstellung lässt sich auch das Phänomen der eingebetteten Nebensätze vermeiden. Bei der Ausklammerung rückt der Teil vor den Nebensatz, der üblicherweise nach dem Nebensatz steht.
Bsp.: Sie drückte ihre Freude darüber, dass sie gewonnen hatte, aus.
<=> Sie drückte ihre Freude darüber aus, dass sie gewonnen hatte.
Fragen:
Faktenbezogene Fragen steigern die Merkfähigkeit für den Textinhalt. Dies gilt besonders, wenn die Fragen dem Text nachgestellt werden bzw. bei längeren Texten nach relevanten Abschnitten stehen. Um den Text nicht unnötig zu verlängern, empfiehlt sich die Technik der Zusammenfassung in Fragen.
Konzeptuelle Fragen können die Neugier des Lesers wecken und dadurch zur Lesemotivation beitragen. Dies kann auch mit faktuellen Fragen erreicht werden, jedoch müssen sie sich dann auf Sachverhalte beziehen, die im Widerspruch zum Vorwissen des Lesers stehen; Bsp.: "Welches Gemüse bauen manche Ameisen in Untergrundfarmen an?". Fragen, die den Leser stimulieren, sollten jedoch sparsam verwendet werden, da sie sonst den Aufbau des Textmodells behindern.
Hervorhebungen:
haben bei längeren Texten eine lernerleichternde Wirkung, wobei jedoch die Aufmerksamkeit auf die markierten Stellen konzentriert wird und dadurch das Behalten der unmarkierten Information behindert wird. Bei Lesern mit schlechten Lernvoraussetzungen sollte man auf Markierungen verzichten.
Unterstreichungen, die der Leser selbst vornimmt, haben sich als zumindest ebenso effektiv erwiesen.
Informationssequenz:
Eine Anordnung von allgemeinen absteigend zu speziellen Konzepten wirkt meist lernerleichternd. Wichtig ist auch die Beachtung der Lernreihenfolge in einem Text, d. h. die Beachtung der Fragen "Was muss mein Leser wissen, bevor er diese Information versteht? Kann ich dieses Wissen voraussetzen, oder muss ich es eigens erwähnen?"
Überschriften:
Sie helfen bei der Textmodellbildung und halten verschiedene Konzepte unterscheidbar. Dadurch erleichtern sie das Lesen und das Behalten der Textinformation. Ähnliches gilt auch für Randbemerkungen (Marginalien).
Vorstrukturierung:
(advance organizer). Sie gibt vor der Fakteninformation eine Strukturierung auf einer abstrakteren Ebene und stellt somit ein Modell bereit, an dem sich der Leser sein Textmodell aufbauen kann und das er in sein Vorwissen eingliedern kann. Advance organizer eignen sich besonders für Leser, die wenig oder keine Vorinformation zu dem betreffenden Thema besitzen. Bei informierten Lesern ist sie unwirksam und kann sogar leichte negative Effekte bewirken, da die Strukturierung des advance organizer nicht zu dem eigenen Vorwissen passen kann. Vorstrukturierungen eignen sich besonders für langfristige Lernaufgaben und für schwieriges, unvertrautes Lernmaterial.
Post organizer:
(nachgestellte Strukturierungen) haben keine verständlichkeitsfördernden Effekte. Dies erklärt sich dadurch, dass der Leser dann als vorinformiert gelten muss.
Zusammenfassungen:
Sie werden am besten am Ende des Textes platziert (am Anfang ist dann noch Platz für den advance organizer). Zusammenfassungen erhöhen zwar die Lesezeit, sie bewirken jedoch ein besseres Behalten der Textinformation. Günstig ist auch die Möglichkeit einer Zusammenfassung in Fragen, d. h. ein "Abfragen" der Textinformation am Ende.
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